Sarek - oder auch: "Look, they've found a cat"

Wildniswandern im Sarek Nationalpark September 1984

Sarek-Tagebuch 1984

Wildniswandern im Sarek Nationalpark

Schnuppertour in die Wildnis

oder auch: "Look, they've found a cat"

Es ist nun schon eine Weile her, dennoch scheint mir die Story, auch im Hinblick auf die Tour 2001, erzählenswert. Die Ausrüstung und auch die Art und Weise des Herangehens ist aufgrund von Alter und Erfahrung eine gänzlich andere.

Bilder zur Tour        Karte

Samstag, 1.9.84: Nach Stockholm

Ein kleines Abschiedsgartenfest mit Freunden zwingt die Teilnehmer dieser großen Wildnisexpedition, die Abfahrt auf 12 Uhr zu verschieben. Die Planung der Tour ist noch nicht allzu ausgegoren, als wir im Supermarkt alles einpacken, was uns irgendwie nützlich erscheint. Der betagte Ford Taunus wird vorwiegend mit Spaghetti, 6 Kg eingeschweißten Speck genügend Bierdosen, einer unbestimmten Menge an Käse, Dauerwurst, Müsli, Magermilchpulver und ähnlichen billigen Köstlichkeiten gefüllt. Wird schon passen. Wir sind zu dritt: Martin, Micha und ich. Die Fahrt bis Stockholm dehnt sich. Wir wechseln ab, einer fährt, einer hält den Fahrer in wachem Zustand und einer ratzt auf der breiten Rückbank. Martin sieht nachts den ersten Elch - der liegt auf der Straße und ist ziemlich tot.

Sonntag, 2.9.84: Stockholm

Stockholm. Wir klappern die Sportläden ab, denn ein Zelt haben wir nicht dabei. Ich will unbedingt ein Fjällräven Pyramidenzelt (schön leicht mit 2,8Kg und Platz für 3 Mann plus Rucksäcken). Nach ergebnisloser Suche - Martin kauft immerhin Schlafsack - gehen wir erst mal Felsen suchen, denn wir haben unser Kletterzeug mitgenommen und wollen auch im Sarek klettern. Als hochmotivierte Klettergartenfans (zumindest an der heimischen 15 Meter hohen "Wand") haben wir zwar wenig Ahnung von der lappländischen Realität, aber das ist in diesem Alter kein Hinderungsgrund. Ganz nebenbei: ich war 2 Jahre zuvor schon mal mit Freund Dietmar für 4 Tage im Sarek - im Rahmen einer Interrail-Tour, und damals hatten wir immerhin Steine und felsartiges Gelände gesehen. Nun, Stockholm hatte zwar auch Klettergärten, aber die fanden wir nicht, also tobten wir und an kleinen Boulderblöcken aus und waren zufrieden mit der Welt. Zum Abendessen gibt es Speck und Knödel und sogenanntes Pennerglück (2 Literflaschen Lambrusco für seinerzeit 1,99 DM). Dann legen wir uns an einem See neben das Auto und schlafen - jedenfalls eine Weile, dann fängt es an zu regnen und der Rest der Nacht ist etwas eng, denn das Heck des Ford ist ja mit Speck und Ähnlichem gefüllt.

Montag, 3.9.84: aus technischen Gründen verzögert sich ...

Shopping in Stockholm. Fjällravenjacke für 480 skr aber kein Zelt gefunden. Weiter gen Norden. In Gävle kauft Micha ein Fjällräven Kuppelzelt, aber da passen nur 2 Mann rein. Um 2 Uhr in der Nacht, 100 km vor Jokkmokk und mitten in der Pampa, ist Fahrerwechsel. Martin ist dran und begeistert, weil wir kurz vor dem Ziel sind, will er den Gang einlegen und hat den Schaltknüppel in der Hand. Tja, die paar Kilometer hätte die Kiste ja noch durchhalten können. Die Technik hält uns noch eine Weile von der Wildnis fern, aber nach 45 Minuten, haben die beiden vorne den Knüppel wieder an Ort und Stelle montiert - ich döse solange weiter. Um halb Vier sind wir da, steuern eine Parkbucht an und ich lege mich mit Martin neben das Auto, während Micha den Rücksitz vorzieht.

Dienstag, 4.9. 84: Sportladentour in Gällivare

Kalt ist´s. Nachdem wir unseren fahrenden Müllplatz wieder etwas in Ordnung gebracht haben, gibt es in Jokkmokk erst mal Kaffe und Süßes. Dabei wird weiter "geplant". Wo wollen wir im Sarek eigentlich hinlaufen, ach ja wir sollten auch noch ein Zelt kaufen. Also machen wir noch einen kleinen Abstecher nach Gällivare - gut 95 Km. Dort werden alle Sportläden abgeklappert, doch ein passendes Zelt finden wir nicht. Dann sehen wir doch noch einen kleinen unscheinbaren Laden und mich trifft fasst der Schlag, als der gute Schwede dort meine Frage nach einem Pyramidenzelt mit einem lockeren Ja beantwortet. Ein älteres Modell zwar, aber für 1800 skr ist es mein und zwei Blinker für die Angel gibt es als Bonus dazu (im Nationalpark ist angeln verboten, aber an den Seen außerhalb mit Schein erlaubt). Im Restaurant gibt es noch mal Kaffee und große Pläne - wir sind glücklich und zufrieden und bald darauf endlich in Kvikkjokk, unserem Startpunkt in den Sarek. Auf dem Wanderparkplatz gibt es Speck - heute mit Reis - ein Bier hinterher. Abenteuer, du kannst kommen. Nachts kommt es dann auch: wir liegen im freien und es ist recht frisch, so dass ich überhaupt keine Lust habe dem Freiheitsdrang des Biers nachzugeben, aber das Bier ist stärker - raus aus dem Schlafsack. Micha meldet sich mitten in der Nacht mit Nordlichtmeldungen, doch ohne Brille sehe ich nichts dergleichen und um die Brille aufzusetzen, müsste ich eine Hand aus dem Schlafsack stecken - das ist in diesem Augenblick entschieden zuviel der Mühe.

Mittwoch, 5.9.84: Tagesmotto "Mir nach, ich folge"

Raus aus der Wärme, rein in die Kälte, Kaffe kochen und Futter reinhauen. Dann wird gepackt und verteilt. Jeder bekommt seine 2 Kg Speck, der Rest wird nach Gutdünken verteilt und schließlich erhält jeder noch als Bonus 6 Kg Klettermaterial. 45 Meter Seil, Helm, Kletterschuhe, Karabiner usw.

Noch eine kleine Rund zu den Stromschnellen des Kamajakka und ein letztes Bier und Rucksäcke auf - mein Gott, das wiegt. Der Kungsleden ist eigentlich nicht zu verfehlen. Ich übernehme die Führung, denn schließlich kenne ich mich hier schon aus. Irgendwie ist der Weg breiter, als in meiner Erinnerung, na ja die werden den ausgebaut haben. Es geht am Fluss entlang - daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Und schließlich überholt uns ein Einheimischer auf einem knatternden Moped - auch das sorgt nur für eine kurze Irritation. Nach ca. 4 Km holen die anderen dann doch die Karte raus - die trauen meinen Pfadfinderkünsten irgendwie nicht mehr so recht. Kurz gesagt, wir sind mit Sicherheit nicht auf dem Kungsleden, denn der verläuft nicht entlang des Flusses. Zurück will keiner, also gehen wir quer durch die Pampa, mühen uns durchs Gebüsch und Wald, hügelauf, hügelab. Zwischendurch Kompass und Höhenmesser konsultieren, denn außer Birken und Fichten gibt es nichts zu sehen. Kurz vor dem Kungsleden herrscht dann freie Sicht und wir wissen jetzt, wo es lang geht. Die freie Sicht gibt es aufgrund eines Sumpfgebietes - nix ist mit Luftlinie, statt dessen eine ausgiebige Umrundung dieses Biologischen Kleinodes. Hier zeigen sich schon mal die Vor- und Nachteile des Schuhwerks: Martins Bollerstiefel (steigeisenfeste, dicke Lederstiefel) sind noch ok, Micha hat Spezialschuhe (Innenschuh bequemer Kletter/Wanderstiefel, außen harte Plastikschale), wobei Innen- und Außenteile irgendwie nicht so richtig harmonieren, denn trotz Sumpf lässt er die Plastikschalen lieber am Rucksack. Ich habe 49.- DM Schuhe, die außen/untenrum eine Kunststoffhülle haben, innen frottegepolstert - die erweisen sich auch im nachhinein als nonplusultra "Sarek-geeignet" (leicht, bequem, nie Blasen, wasserdicht). Die Dinger sind echt hässlich, aber ich würde sie noch heute gegen jeden Goretexschuh tauschen. Gibt's aber nicht mehr, waren zu praktisch, billig und hässlich. Endlich am Kungsleden sind wir ziemlich fertig vom unter den Büschen krauchen und der nächste Lagerplatz am Ostende des Sees Stuor Tata ist für heute Endpunkt. Wir machen ein Feuer und genießen die Wärme. Es gibt heiße Suppe. Micha zieht die Schuhe aus. "Die wärme ich jetzt schön an", sagt er und will sie Richtung Feuer ausstrecken. Sie werden dann tatsächlich recht warm, denn er schüttet die heiße Suppe über die Socken. Martin und ich haben alsbald Probleme mit den Lachmuskeln - Micha lacht erst mit, als er seine Socken von den Füßen hat.

Donnerstag, 6.9.84:

Heute machen wir es gemütlich - Hektik ade. Der große Durchquerungsplan wird erst mal ad acta gelegt. Wir laufen ab jetzt nach Lust und Laune. Nach 5 Km Bohlenweg sind wir am nächsten See (Sjabtjakjaure) und wir zelten am "Strand". Der ist gerade so breit wie das Zelt und so spannen wir die Seeseite mit Holzpflöcken im Wasser ab. Angel raus - kein Fisch weit und breit. Photo raus, den Wald durchforsten und Pilze suchen. Wir begutachten ein schönes Exemplar. Micha hat ein Pilzbuch dabei und erklärt uns, dass er diesen Pilz kennt: "der ist entweder saugut oder saugiftig". Martin sagt die geplante Pilzsuppe spontan ab. Das geplante Badevergnügen endet auf Kniehöhe - Kneiptour oder so nennt sich das. Abends gibt es Macaroni ohne Speck - echt lecker.

Freitag, 7.9.84: Über die Partehütte zum Rittak-Windschutz

11 Uhr 30 und immer noch im Zelt. Leichter Nieselregen. Heute bin ich dran mit Kaffee verschütten und Micha freut sich, denn sonst ist er meistens derjenige welcher ...

Dann geht's los und nach 15 Minuten treffen wir auf den Wirt der Partehütte. Bis zur Hütte fragen wir ihn aus über das Wetter, das Rapadalen. An der Hütte treffen wir Landsmänner, die den Rapaätno an der Furt (nahe Einmündung des Sarvesvagge) überquert haben. Sie erzählen uns auch, was alles in ihren 43Kg Rücksäcken zu Schlemmen drin ist: Rindsrouladen, Rahmschnitzel in Dosen u.ä. Na ja, das ficht uns momentan noch nicht an - wie kann man nur so viel rumschleppen. Wir beraten kurz, schmeißen erst mal unsere Pläne, von hier aus direkt über die Hochfläche Richtung Rapadalen zu gehen, über den Haufen und peilen lieber den nächsten Windschutz am Rittak (12Km) an. Aufwärts geht es mit der Zeit recht mühsam, in den Schenkeln zieht es ungemein, nur Martin düst voraus - hat einfach zuviel Kondition.

Es regnet weiter. Spät am Mittag reißt das Wetter für kurze Zeit auf und wir können auf die fantastische Landschaft der Rittakseen und des Tjaktjajaure runterschauen. Endlich an der Hütte sind wir groggy. Dieser Windschutz mit seinen 4 Pritschen, 2 Stühlen, Tisch und Ofen kommt uns wie ein Hotel vor. Holz suchen, Ofen anfeuern (dauert, weil alles nass ist) und ´ne heiße Suppe machen. Irgendwann sind wir endlich satt und schmeißen uns gleich in die Falle.

Samstag, 8.9.84 Gemütlich zum Laitaure

Wir kommen (mal wieder) erst um 11 Uhr 30 aus den Schafsäcken und trödeln dann noch bis 13 Uhr 30 herum. Schon kommt ein Ami rein. Netter Typ. Wir bieten ihm Coffee an und schwatzen. Er ist 4 Monate in Europa und hat von Nizza bis Narvik schon einiges gesehen. Nächstes Ziel: München, Oktoberfest. Er hat sogar 2 Chickens dabei ("Kentuky Fried Chicken is everywhere"). Dann gibt er uns Kostproben aus seiner Provianttüte: Streichkäse aus der Tube, Knäckebrot in dünnsten Scheibchen, Salzstängel. Er erzählt die biggest news in Sarek: der Mord an zwei Holländern (war in Deutschland bereits vor 4 Wochen in der Zeitung). Das passierte nicht allzu weit weg und ein Nachahmer aus Kvikkjokk wurde gefasst - der soll ein Mädchenberaubt und gewürgt haben. Schöne neue Wildniswelt. Später kommen noch ein Schweizer und ein Hesse. Wir schwatzen mit jedem und als wir endlich loskommen ist es 15 Uhr - eine Zeit, bei der andere Trekker ihre Tagestour beenden. Laufen ist heute super. Halbwegs trocken, sogar einige Sonnenscheinabschnitte und einen tollen Blick Richtung Rapadalen und Tjakkeli. Abwärts und flach - einfach schön. Dann sehen wir zum ersten Mal den Skierfe, dessen Felswand wir schon auf einem Foto gesehen haben - die 250 Meterwand geisterte auch schon durch unsere Kletterköpfe - könnte man da nicht ...

Sagenhaft schön und von der Abendsonne angeleuchtet. Am Ufer des Laitaure gibt es wieder einen kleinen Windschutz mit 2 Pritschen. Zwei Ruderboot liegen am Ufer und weil keiner da ist der sie gerade braucht rudern wir ein Stück auf den See hinaus. Super Abendstimmung, Skierfe, Rapadelta und weiß gekrönte Bergkuppen im Hintergrund.

In der Hütte ist es schön warm und saugemütlich.

Sonntag, 9.9.84: Die Butterfahrt zum Schoki

Heute wollen wir über den See und dann irgendwie über den Skierfe und ins Rapadal. Weil an unserem Ufer 2 Boote sind, müssen wir nur einmal rudern. Wäre nur ein da, müssten wir 3 mal über den See, damit an jedem Ufer wieder mindestens 1 Boot liegt. Ich bin heute zuerst auf und "überrede" die anderen, aufzustehen. Denn unsere größte Sorge ist, das irgend so ein Typ mit "unserem" Boot ohne uns abfahren könnte. Um 12 Uhr kommen wir dann auch weg - im Vergleich zu gestern ein großer Fortschritt. Unterwegs wird die Angel mit den Superblinkern reingeworfen. Nach 45 Minuten sind wir drüben - ohne Fisch natürlich. Auf Bohlen geht es 1 Km nach Aktse - so um die 6 verstreuten Hütten mit Minikiosk. Die Hoffnung auf Bier meinerseits und auf Tabak andererseits macht uns richtig schnell. Im Laden stellen wir dann die Schicksalsfragen: Tobaco - no, beer - no. Shit. Dann halt 2 Schoki a 6 skr. Wir fragen nach "climbing possibilities im Sarek. Der Mann weiß tatsächlich Bescheid. Ob wir richtig alpin klettern wollen? Klar, wir sind ja richtige Bergsteiger. Wir fragen nach dem Skierfe: er sagt "too soft" - wie meint der das bei 250 Meter senkrechtem Fels (es hat übrigens ungefähr 1 Jahr gedauert, bis wir kapiert haben, das er den Normalwanderweg meinte). Dann zeigt er uns ein paar schöne "most famous" Klettertouren im 3. und 4. Grad: Buchttoppen, Pierikpakte. Leider alles mittendrin im Sarek und das ist uns zu weit. Das Wetter ist mies, keine Sicht. Draußen gibt es dann die übliche Diskussion: flexible Planung, was nun, Brainstorming, viele Ideen. Letztendlich findet ein Supervorschlag allgemeine Zustimmung ohne Gegenstimme: Wir rudern wieder zurück zur warmen Hütte mit dem schönen Ofen. Aber natürlich nicht, weil wir bequem sind, sondern weil wir für unsere Riesentour übers Fjäll in den nächsten Tagen ja noch Brot backen müssen und das eben in der Hütte am besten geht (so ein Glück aber auch). Ein bisschen Shopping in Aktse, Schoki verputzen - echt ein guter Tag. Als wir Richtung See losgehen schaut uns der Schwede verwundert nach, weil wir doch in die "falsche" Richtung gehen - so kommen wir nicht zu den großen Bergen mit dem vielen Schnee. Martin geht noch mal zurück und rettet unsere Ehre, indem er erklärt, dass wir noch Brot backen müssen und das in der Hütte besser geht. Der Schwede sagt: Oben auf der Hochfläche ist auch eine Hütte mit Ofen zu Backen. Schei... - Martin denkt schnell nach und erklärt dann, das dort oben doch kein Holz fürs Feuer sei. Das sieht der Schwede endlich ein, bleibt aber dennoch recht verwundert zurück (Nachtrag: Auf diese Hütte haben wir uns dann während der Sarekdurchquerung 2001 gefreut - was mit ihr passiert ist, steht in diesem Bericht).

In der Hütte wird dann Feuer gemacht und Teig geknetet. Aus dem übrigen Teig basteln wir eine Pizza mit Salami und Käse. Das Brot geht nicht richtig auf - es wir ein Kompaktbrot, aber die Pizza ist superduper. Der Teig zwar steinhart, aber das ist nebensächlich. In einem Restaurant wäre der Koch ein toter Mann, würde er solch ein Ding produzieren - mit der eigenen Pizza erschlagen. Der Abend geht mit Kochen und (fr)essen rum. Reis, zusammengeklebt mit Soße, rohen Speck als Vorspeise.

Montag, 10.9.84: Helikopterbesuch

Mistwetter. Keine Motivation. Martin wäscht sich die Haare - eiskalt. Das Brot von gestern ist mittlerweile schon verputzt. Zwei ältere Semester aus der Kölner Ecke kommen mit dem Ruderboot von Aktse rüber. Was gäben die drum, wenn der reguläre Motorbootbetrieb noch im Gang wäre (out of Season bringt auch Nachteile). Ihre sehnsüchtige Frage, ob wir nicht vielleicht das Boot zurückbringen wollten, müssen wir leider verneinen, denn unsere Planung haben wir mal wieder umgekrempelt. Wir wollen nicht mehr ins Rapadal, sondern auf´s Fjäll (Ivarlako-Hochebene) zum Berg Parektjakka. Die Zwei haben eine Elchkuh mit zwei Jungen gesehen und gefilmt, und sie erzählen auch von einer Bärenspur im Schnee. Nass wie sie sind, bieten wir ihnen erst mal heiße Suppe an - als Gegengeschenk gibt es Schoki (Schokolade ist im Sarek eindeutig lebenswichtig). Der Tag vergeht mit Brot backen und Pizza essen - Hauptsache nicht in dieser Suppe rumtrekken. Abends kommt ein Helikopter angeflogen (wir sind hier außerhalb der Sarekgrenze). Im Tiefflug kreis er über der Hütte und landet am Strand. Es sind Arbeiter, die gleich nebenan eine Hütte für die Boote aufstellen wollen. Aus ist es mit der Ruhe.

Dienstag, 11.9.84: Die "Vertreibung aus dem Paradies"

Am Morgen sind die Arbeiter wieder da und einer kommt uns besuchen. Er erklärt uns, dass die Hütte nicht zum dauernd drin wohnen gedacht ist. Da hat er eindeutig recht und wir ein schlechtes Gewissen. So erzählen wir ihm auch gleich, dass wir sozusagen schon am packen sind (was der Wahrheit entspricht). Ob wir schon was geklettert hätten, fragt er uns - aha die Nachrichtenübermittlung im Busch funktioniert also gut. Ein kleinlautes Nein ist die Antwort. Er klettert auch, sagt er, "aber wenn wir Lappen klettern wollen, dann fahren wir in die Dolomiten". Das sitzt.

Das Wetter ist gnädig, es tröpfelt nur, als wir loslaufen. Wir gehen ein Stück den Weg Richtung Rittak zurück und über der Baumzone biegen wir nach Westen ab und queren einen Geröllhang. Das wir lustig, denn nun setzt wieder Dauerregen ein. Zwischendurch Gestrüpp und Sumpf. Die flechtenbezogenen Steinblöcke sind glitschig und jeder denkt sich seinen Teil (was mache ich hier, was soll das Ganze ...). So geht es ewig weiter und keine einzige Möglichkeit, das Zelt aufzubauen. Dann, nach einem tief eingeschnittenen Bachlauf findet sich ein Plätzchen - wir sind echt fertig.

Bis wir dann endlich im Zelt sind frieren wir, wie die Schneider. Die nassen Klamotten runter, teilweise auch wieder an, weil sie sonst nicht trocknen. Erst als die heiße Suppe fertig ist und ein Tabakpfeifchen die Runde macht sind wir wieder zum Spaßen aufgelegt. Als ich in den Schlafsack liege, "quatscht" es - der Dauneninnensack ist nass wie ein Schwamm. Ein Glück, das mein Caravanschlafsack aus zwei Teilen besteht - außen Kunstfaser innen die Daune. Zum Schlafen muss das Außenteil reichen. Wenn das Wetter nicht besser wird, kriege ich die Daune nicht mehr trocken. Glücklicherweise ist es nachts dann recht warm.

Mittwoch 12.9.84: Ivarlako Hochebene - auf's Fjäll hinauf

Es regnet durch bis morgens, dann hört es auf. Unsere Laune steigt. Wir gehen dem Bachlauf des Jäggejakka entlang auf die Hochebene Ivarlako. Ca. 300 Höhenmeter bis auf 1000m Höhe. An einem Heidelbeerfeld wird pausiert. Jeder grast und futtert mit verklärter Mine. Hier ist es gut zu laufen und um 16 Uhr bauen wir mitten in der weiten Hochfläche das nasse Zelt auf und trocknen unsere Sachen. Speck raus, Suppe kochen. Dann fängt es wieder an zu regnen und alles muss blitzschnell ins Zelt. Ein eigenartiges Knacken vor dem Zelt schreckt uns auf - keiner kann sich einen Reim darauf machen, was das sein könnte, jedenfalls läuft es direkt vor unserem Zelt rum. Dann schauen wir raus und sehen eine Herde Rentiere - man, das ist ein Gefühl.

Donnerstag, 13.9.84: Nebelsuppe

Nebel, Nebel, Nebel, und was da in der Suppe schwimmt, das sind wir. Wir marschieren nach Karte und Kompass bei 100 Meter Sicht. Manchmal reißt die Suppe auf und wir sehen einen markanten See (Kallakjaure). Ein bisschen bekannt ist mir die Gegend, weil ich damals mit Dietmar bis auf den Gipfel des über dem See aufragenden Kallakvare gelangt bin. Sumpf wechselt mit festem bequem zu gehenden Boden. Um 16 Uhr machen wir Schokopause. Jeder genießt sein kleines Stück. Dann fängt es an zu Regnen und wir bauen in Hektik das Zelt auf. Dabei reißt der Boden vom Innenzelt auf 10 cm ein - na ja, was soll´s. Drinnen, bei Reis, Kaffee und Müsli und mehr Schoki, wird es gemütlich und warm. Eigentlich ein Frevel, die guten Sachen wegzufuttern, obwohl sie noch ne Weile halten sollen, aber Essen ist gerade Thema Nr. 1. Mit Martin hatte ich heute elenlange Gespräche über Rostbraten, Schnitzel, Pommes und Co. Micha beteiligt sich mit seiner Meinung: "Mein Gott, ihr könnt doch nicht Stundenlang nur übers Fressen reden, das ist ja nicht zum aushalten". Doch auch er hat kein Problem damit, zusätzliche Müslieinlagen mit allen möglichen Argumenten zu rechtfertigen.

Freitag 14.9.84: Auf den Gipfel des Parektjakka

Sieht nicht besonders gut aus - etwas nebelig. Trotzdem starten wir den geplanten Tagesausflug. Das Zelt bleibt als winziges grünes Etwas in einer grün-braunen Landschaft zurück. Wir haben 7Km Luftlinie und 900 Höhenmeter vor uns. Wieder eine Herde Rentiere. Den Gipfel aber sehen wir nicht. Über Geröll geht es aufwärts. Irgendwann stapfen wir dann im Schnee. Am Gipfel setzen wir uns an einen Steinmann und manchmal sehen wir kurz die Umgebung und den Gletscher Partejekna. Es ist arschkalt und der Wind pfeift uns um die Ohren. Beim Abstieg sehe ich kurz im Süden die Seenplatte des Parekjaure - dort scheint die Sonne hin und lässt das Wasser glitzern, Wahnsinn. Etwas später reißt die Nebelsuppe plötzlich auf und wir sehen die ganze Pracht der nördlich gelegenen Täler und Berge: das ist das Highlight, der Augenblick der ganzen Tour, das wissen wir im gleichen Augenblick - ein unbeschreibliches Gefühl.

Dann wird es wieder duster. Endlich unten ist der Nebel weg und die Chance, das Zelt wiederzufinden ist 100 %. Erst als wir das grüne Pünktchen in der Landschaft entdecken, wird uns klar, dass wir bei Nebel ein echtes Problem bekommen hätten.

Sauguter Tag. Und jetzt kommt noch das Futtern und ´ne Extraportion Müsli. Dann wird dem neuen Tag entgegengeratzt - einem Tag voller Kaffee, Müsli, Schoki und Käse ...., ach ja, Laufen müssen wir ja auch noch.

Samstag 15.9.84: Zum "alten" Superzeltplatz

Gestrüpp, Sumpf, Balancieren auf Grasbulten, ewig und eintönig. Östlich des Unna Jerta vorbei zum Bach Parekjakka. Martin balanciert über wasserüberspülte Stein trockenen Fußes rüber. Micha steht mitten im Bach und flutet seine Innenschuhe - er hat keine Lust zu balancieren oder die Schuhe auszuziehen. Ich versuche es mit der schnellen Balanceversion, bis mein Holzstock beim Abstützen auseinander bricht. Einen Schuh hab ich aber trocken rübergebracht. Am Südausläufer des Kallakvare finden wir den alten Zeltplatz von der Interrailtour wieder. Und dann finden wir zwischen zwei Bäumchen Dietmars Wäscheschnur, die wir wohl damals vergessen haben müssen - gut dass wir noch mal vorbeigekommen sind, so was lässt man doch nicht liegen. Der Abend wir gemütlich: Pizza und Speck am Feuer gebraten - der Speck muss weg

Sonntag, 16.9.84: Sonnenbaden

Gammeltag. Die Nacht war kalt und jetzt scheint die Sonne. Faulenzen, Lesen, Brot backen. Martin und Micha tauchen kurz im Bach unter - aber nur kurz. Ich halte mich da etwas zurück. Tolle Abendstimmung: Sonnenstrahlen über dem Schneegrat des Tarrekaisemassivs. Micha und ich photographieren, Martin hält freundlicherweise solange die brennende Tabakspfeife - es ist die letzte Tabaksfüllung. Als die Lichtstimmung endet ist auch die Pfeife kalt. Dann gilt es wieder: der Speck muss weg. Teebeutel sind noch genügend übrig und Martin startet mit Micha den "Teebeutelpfeifentabakversuch" - die beiden halten sich tapfer, aber es bleibt der letzte Versuch dieser Art.

Montag, 17.9.84: Abmarsch

Der Weg durch den Sumpf bis zum Schlammpfad zu Pareks Lappenlager ist mir in feuchter Erinnerung. Daher gehen wir direkt südlich zum Rengatter am Tjalte. Guter Weg. Wir kommen wieder an unseren ersten Lagerplatz am Stuor Tata. Letzte Nacht, keine Extraportion Müsli mehr, nur der Speck muss noch weg.

Dienstag: 18.9.84: Die Freuden der Zivilisation

Den Bohlenweg nach Kvikkjokk haben wir schnell hinter uns. Im Auto findet Martin den Rest einer Senftube und drückt sich den Inhalt in den Mund. "Ah, endlich wieder ein bisschen Geschmack" sagt er entzückt.

Der krönende Abschluss

Es ist dunkel und wir sitzen am Kai beim Fähranleger. Wir sitzen auf dem Boden, unsere Habseeligkeiten ausgestreut, vor uns bullert der Trangia und drin brutzelt der letzte Rest vom Speck. Da läuft ein Mann in einer Art von Kapitänsuniform an uns vorbei, rechts und links eine Frau im Arm und erläutert sein Begleiterinnen: "look at them, they´ve found a cat".

copyright: Dieter Ziegler 2001