Sarek - Special Guest: Knacksi, the reindeer:

 

Sarek-Tagebuch 2004

  Diaschau Sarek 2004

 

  Linkliste zum Thema Sarek

 

Sarekfieber

Allgemeine Info zum Sarek: Sarek - Mythos und Wirklichkeit, Text vom schwed. Amt für Umweltschutz

Rapadelta bei Nieselregen - Klick zur Diaschau

 

Prolog

Erste Nacht mit grünlichem PolarlichtschimmerDrei Jahre ist es seit dem letzten Ausbruch der Seuche wieder her und jetzt hat es wieder 4 Leute befallen, das Sarekfieber. Eigentlich sind es immer die gleichen Leute - Leute die sonst eigentlich recht unauffällig wirken, aber bei genauerer Betrachtung nicht mal einen Gameboy bedienen können. Also..., diese Leute wirken im Endstadium, d.h. in den letzten 3 Wochen, fast hyperaktiv, wälzen Proviantlisten (als ab sie nie einen Supermarkt gesehen hätten), decken sich mit Medikamenten ein, deren Namen Sie mangels Know How kaum aussprechen, geschweige denn anwenden können und last but not least, packen alles mögliche ständig in einen Sack und wieder aus und wieder ein... Ehefrauen schütteln verzweifelt den Kopf: "wenn das nur endlich vorbei ist"!!!

Aber es hilft halt nichts - korrigiere -  es hilft nur eins bei dieser Art von "Sumpffieber": das Übel an der Wurzel packen und das bedeutet 2 Wochen in den Sarek Nationalpark in Schwedens Norden gehen, wilde Landschaft mit gemeinen Fußfallen und knatschigen Sümpfen durchqueren, das zur besseren Genesung aufgesetzte Zusatzgewicht verfluchen und das üblicherweise scheußliche Wetter ertragen. Und so war es dann auch.

 

Samstag 18.9.04 Flug nach Gällivare - ein Rucksack fehlt

Um halb zwei in der Nacht steht Martin vor der Tür - alles läuft genauso wie beim letzten Mal. Mietwagen bis Frankfurt, um 9.15 sind wir schon in Stockholm, das erste Malheur lässt nicht lange auf sich warten: alle packen ihr Zeugs vom Gepäckband, nur Micha steht noch unruhig herum. Bald ist eines klar: Wir werden heute Abend nicht im Sarek das Zelt aufbauen, Michas Rucksack hängt noch in Frankfurt. Wir fliegen weiter nach Gällivare und quartieren uns im Vandrarhem ein und hoffen, dass der Rucksack wie versprochen morgen hier eintrifft - unsere Pläne sind somit schon Makulatur. Na gut, machen wir eben neue. Wir kaufen noch die nötigen 5 Liter Spiritus für die Trangiakocher und machen einen Termin mit dem Taxiunternehmen für morgen. Erst zum Flugplatz fahren, um 16.15 den Rucksack in Empfang nehmen (hoffentlich) und dann mit dem Taxi gute 100km bis zum Startpunkt Seitevare (Seitenstraße kurz vor Kvikkjokk) - das wird teuer, aber mit Bus würden wir noch einen Tag verlieren.

 

Sonntag 19.9.04 Nordlicht bei Minus 5°

Auch nicht ungemütlich, so eine Nacht in einer komfortablen Holzhütte (190 skr/Person). Mit dem Taxi und dem Rucksack funktioniert alles und so fahren wir im Nieselregen Richtung Kvikkjokk. Der Cousin unseres Taxifahrers ist der Enkel von Edvin Nilsson, dessen Sarekbuch ich im Frühjahr in einem Antiquariat erstehen konnte. Ein Bär sei vor zwei Wochen hier an der Straße gesichtet worden, sagt er - oh schön, vielleicht haben wir Glück und er kommt uns besuchen.

Kurz vor Kvikkjokk biegen wir ab Richtung Tjamotis - Seitevare und am Ende der Schotterstraße schauen wir dem abfahrenden Taxi hinterher - mit ihm fährt der Komfort davon. Ab jetzt bekommen wir das, wovon wir die letzten Monate geträumt haben: Wildnis, Rucksack- und Sumpfplackerei, mieses Wetter, Nässe, Kälte - wie die Ehefrauen zuhause immer sagen, wenn einer vorauseilend schon über den schweren Rucksack stöhnte: "Ihr habt es so gewollt, ich will kein Wort hören".

Immerhin der Regen hat aufgehört und 200m nach der Brücke über den Sitoälv finden wir einen guten Platz zum zelten. Der Himmel klar sogar ein wenig auf, Micha macht noch ein kleines Feuerchen und nach dem Essen geht es in die neue Schlafsackkombination aus Ajungilak Kompakt Winter und Yeti Pound-Dauneninnensack - das sollte doch wohl reichen. Nur Micha ist ohne zusätzliches Dauneninlet angereist. Dafür hat er eine dünne Alumatte zusätzlich zur normalen Schamstoffmatte, außerdem ist er nicht so verfroren wie wir anderen.

Zwei Stunden später ruft Micha draußen etwas von Nordlicht. Na da quäle ich mich gern raus, zumal es mir trotz der "genialen" Schlafsackkombination nicht richtig warm ist und ich dann noch meine Yeti-Daunenweste anziehen kann. Draußen ist es angenehmer, denn Micha hat das Feuer wieder in Gang gesetzt und wir können in aller Ruhe das Nordlicht bestaunen. Nicht sehr leuchtkräftig, aber Hauptsache, es bewegt sich.

 

Montag 20.9.04 Anmarsch nach Aktse

Am Morgen ist alles voller Reif. Nur Dietmar war's heute Nacht warm - er hat eine ThermaRest als Unterlage. Micha sagt etwas von "ich habe heute nacht nicht geschwitzt, sogar was anziehen müssen", das heißt übersetzt, dass es doch recht frostig war. Wir genießen die Sonnenstrahlen und bald sind wir auf dem 10 km langen Schotterpfad nach Aktse unterwegs. Die Pfützen sind schön vereist. Kurz vor der Bootsanlände am Laitaure kommt uns der Hüttenwart der Fjällstation entgegen. Für ihn ist Saisonschluss, die Hütten sind jetzt alle geschlossen. Er schiebt ein Kajak mit Rucksack auf seinem Bootswagen die 10 km, die wir gerade hinter uns haben - war im Sommer öfter damit im Rapadelta. Das Wetter soll schlechter werden, meint er, aber hier weiß man nie, übermorgen scheint vielleicht wieder die Sonne.

Wir pausieren an der Bootsanlände. Der Bootsverkehr ist seit gestern auch eingestellt und so müssen wir noch 6 km bis Aktse weiterlaufen. Wir fotografieren den Anblick von Skierfe, Nammatj und Tjakkeli - wer weiß ob wir diese Berge noch mal sehen werden in den nächsten Tagen.

In Aktse schlagen wir die Zelte auf und machen uns unter dem Vordach der zweiten Hütte der Fjällstation breit. Beim Kochen wird es dann dunkel und es fängt an zu nieseln. Das war wohl der schöne Tag dieser Tour?

 

Dienstag 21.9.04 Regen, Regen, Regen in Aktse

Das sieht heut gar nicht gut aus. Die Wolken hängen tief. Frühstück machen wir bequem im offenen Winterraum der oberen Hütte. Keine Chance auf die Besteigung des Skierfe. Dieser blöde Hugel will uns auch zum vierten Mal nicht rauflassen. Irgendwann werde ich noch Alpträume bekommen, vielleicht derart, dass ich zuhause mal wieder eines dieser fantastischen Kalenderbilder des Rapadeltas in herrlichsten Herbstfarben mit natürlich blauem Himmel anschaue und dann macht es klick und es regnet plötzlich in der Wohnung und die Feuerwehr kommt um mich zu retten.

Mittags machen wir einen Ausflug am See entlang, sehen kurz sogar mal die Spitze des Skierfe, dann ist wieder alles dicht. Drei Hubschrauber fliegen kann unter der Wolkendecke ins Rapatal hinein - keine Ahnung weshalb.

 

Mittwoch 22.9.04 Skierfe - ein Versuch

Tiefe Wolken, Wind und Regen - alles wie gehabt. Wir trödeln herum, hacken und sägen Holz, Martin stöpselt sich den MP3-Player ein, ich lese meinen 80g schweren Perry Rhodan Roman und verstehe erst mal gar nix - Mutanten und Transformanten und Konfirmanten oder so ... Na egal, Martin wechselt MP3-Player gegen Martin Schliessler Abenteuerlektüre und unterhält uns zwischendurch mit den haarsträubenden Stories vom Bergsteigen mit Hermann Buhl, Biwaks im Schlingenstand, Filmen in extremen Situationen - da fühlen wir uns in der Hütte doch gleich wieder viel wohler.

Irgendwann gegen Mittag beschließen wir zumindest mal Richtung Skierfe zu laufen, die Querung oben an der Fjällkante ist ja zumindest noch wolkenfrei, so dass wir ein bisschen Aussicht haben könnten. Gerade wollen wir los, als zwei Schweden den Weg herunterkommen, total duchnässt.

Die beiden sind heute in einem Gewaltmarsch aus dem Rapadal über den Skierfe hergekommen. Pausieren war nicht drin, weil es eiskalt gestürmt hat, da oben. Wir tratschen kurz und gehen los. Im Wald ist es angenehm, oben auf dem Fjäll bläst dann der eiskalte Wind. Wir gehen am Hang lang und werden mit einem für diese Verhältnisse schönen Ausblick aufs Delta belohnt, kurzzeitig sehen wir sogar bis zum Nammatj (Die Schweden sprechen es "Nammatsch" aus). Herrliche Farben in einer diesigen Atmosphäre. Der Weiterweg würde in die Wolkendecke hinein führen und so drehen wir um.

In der Hütte erzählen die Schweden von ihrer Tour. Von Aktse unten am Fuß des Skierfe herum ins Rapadal. Der Weg über riesige Felsblöcke und tiefe Löcher, das Ganze auf glitschig nasser Oberfläche, war anscheinen kein Vergnügen. Die beiden gingen bis zum Lulep Spatnek (Felshügel im Tal), sahen dabei  Bärendreck und eine Elchkuh mit Jungen. Der Rückweg war dann richtig garstig. Die beiden waren schon öfter hier und so haben wir uns abends viel zu erzählen. Wir bewundern ihr selbstgetrocknetes Essen und kosten vom Trockenfleisch. Gemüse, Tomaten, Kartoffel, alles getrocknet und in einer Plastiktonne verpackt - jede Mahlzeit muss allerdings immer für mindestens eine halbe Stunde eingeweicht werden, bis mit Kochen begonnen werden kann.

 

Donnerstag 23.9.04 Weitermarsch zur Rittak-Hütte

Keine Wetterbesserung, also können wir den Skierfe auch dieses Mal wieder abhacken, denn länger warten können und wollen wir nicht. Bei Regen rudern wir über den Laitaure See. Je weiter wir rauskommen, desto höher werden die Wellen. So richtig wohl ist uns nicht dabei. Das waren Zeiten (20 Years ago), als wir hier bei warmem Abendlicht und spiegelglattem See zum ersten Mal mit der beeindruckenden Felswand des Skierfe konfrontiert wurden. Wir hatten allen Ernstes gedacht, da könne man gut klettern und hatten das ganze Klettergeraffel mit rumgeschleppt. Damals hat es dann 3 Tage durchgeregnet und heute sieht es genauso aus. Nach gut einer Stunde sind wir drüben und pausieren eine halbe Stunde in der kleinen Schutzhütte. Dann geht es ohne große Ereignisse weiter bis zur Rittak-Hütte. Hier hat es Platz genug zum Sachen trocknen. Es gibt sogar 2 Klo´s ( ja die mit der warmen Styroporauflage). Kochen, essen, lesen, ratzen, draußen regnet es... alles wie gehabt.

 

Freitag 24.9.04 Endlich in den Sarek, bis zur Brücke des Katokkjakka

Heute geht es endlich richtig in den Sarek hinein - dieses Laufen auf dem ausgetretenen steinigen Kungsleden ist nicht so toll. Wir wollen weiches Moos, sumpfige Fußbäder, Stolperdickicht und schöne Geröllhalden. Das Wetter ist richtig schön, kurz kam sogar die Sonne durch und die Rittakseen unter uns zeigten sich im Licht. Wir biegen vom Kungsleden ab und gehen hoch zur Ivarlako-Hochebene. Rentierherden weichen uns beim näherkommen aus, in den sumpfigen Ecken flitzen Lemminge davon, springen sogar direkt in Wasserlöcher rein und sind verschwunden -  um sich im Sarek wohlzufühlen, ist es wohl kein Fehler als Tauchlemming auf die Welt zu kommen. Wir sehen den Unterbau des Parek (Parte-Massiv) und halten darauf zu. Zwischen drin mal schnell Compeed zur Vorbeugung auf den Fußballen und eine Zeh drauf. Die Strecke bis zur Brücke über den Katokkjakka zieht sich und 2km vor dem Ziel sind wir ziemlich fertig. Wir kontrollieren immer öfter auf der Karte - vielleicht kommt die Brücke dann ja schneller näher, aber umgekehrt ist es der Fall. Da wo wir uns denken, das sie sein könnte ist sie natürlich nicht, also weiterlaufen. Endlich sehen wir die Brücke. Wir gehen bis zur Renwächterhütte in der Nähe, in der Hoffnung dort einen guten Zeltplatz zu finden, aber dort sieht es aus wie auf einem Müllplatz. Endlich ein Plätzchen an einem kleinen Bach. Zelt auf, Linseneintopf und Milchreis von Globi. Wir sind alle platt und beim kalten abspülen wird man auch nicht mehr munter. Ein klarer Fall fürs Bett - Nacht ist es eh schon, nix ist es mit abends noch gemütlich vor dem Zelt sitzen. Die Tage sind einfach schon zu kurz.

 

Samstag 25.9.04 Bis zum Rapadal

Es regnet nicht und die Schneegipfel um uns herum zeigen sich teils im Licht der morgendlichen Sonne, die zwar nicht zu uns runter scheinen will, aber immerhin ...

Kein Regen, das kann nur ein Glückstag werden. Wir sind bester Laune, denn die Strecke über die Brücke zum Rapadal ist kurz und einfach. Bald kommt der Skierfe und der Nammatj in Sicht, diesmal aus der anderen Richtung. Und bald schon sehen wir ins Rapadal hinunter, die Hänge haben immerhin noch Herbstfarben, die zwar in ohne Licht nicht richtig zur Geltung kommen, aber man wird ja jeden Tag bescheidener. Am Katokvaratj bauen wir die Zelte auf. Bisher gab es zeltmäßig keine Probleme. Michas neues Hilleberg Nammatj (Nammatsch, hört sich eigentlich nicht nach Zelt, eher nach Sumpf an) ist endlich da, wo es auch hingehört - mit freiem Blick auf den Nammati und unser 4er Helsport (Typ Trollhetta IV, Tunnel mit Apside) ist bisher wasserdicht, die große Apside erweist sich als gut (3 Rucksäcke rein und Platz genug, das Regenzeug anzuziehen ohne das Innenzelt nass zu machen. Nur ist das Teil für 3 Mann gerade noch so ok. 4 würden da niemals reinpassen - nicht mal Pygmäen. Die Wände gehen zu schräg hoch, so dass die außen liegenden wenig Freiraum über sich haben und so trägt jede Kleideranziehaktion zu einer gymnastischen Aufwärmübung - was ja grundsätzlich nicht schlecht ist, denn draußen ist es eh kühl.

 

Rapatal: zusammengesetztes Panorama - anklicken zum Vergrößern und scrollen

Am Abend spazieren wir auf den Aussichtspunkt (Katokvaratj) hoch und bestaunen das Rapadal in fast voller Länge (na ja, ok, die Hälfte davon). Sieht einfach nur genial aus. Jetzt noch gutes Licht zum fotografieren, das wär ein Traum. Aber - ich sagte es bereits - man wird ja bescheidener.

Damit ich mein kleines Stativ (Slik Sprint Mini) auch mal benutze, mache ich Panoramaaufnahmen.

Mit dem Fernglas wird das Tal nach Fauna durchforstet, aber kein Elch, kein Bär will ins Rampenlicht treten - gut dann fotografiere ich halt den Martin, und den Micha, und den Dietmar, ach was, ich will auch noch aufs Bild - jetzt endlich hat das Stativ seine Berechtigung erfahren.

Da oben auf dem kleinen Felshügel ist die Welt heute für uns in Ordnung. Das ist es, warum ich gerne in den Sarek komme. Das sind die Momente, wo alles im Lot ist, wo es nichts zu tun gibt als zu schauen, alles friedlich wirkt.

Unten am Zelt gibt es heute Rührei mit Speck - eine dieser Trekking-Mahlzeiten, die in der Pfanne gebrutzelt werden müssen. Die bisherigen Erfahrungen mit Pfannengerichten auf Trangiakochern sind nicht so umwerfend, trotzdem habe ich noch mal den gleichen Fehler gemacht und wieder einige dieser umständlichen Anbrenngerichte eingepackt. Die meisten Trekking-Tütengerichte funktionieren ja nach dem Motto: Wasser rein und fertig  - und das ist auch gut so. Das Rührei ist langwieriger. Ich gebe zu viel Wasser rein und es dauert ewig, bis das ganze endlich zu einer essbaren Masse zusammengedampft ist.

 

Notfall?

Dietmar sitzt mittlerweile ziemlich zitternd da. Ihm ist sichtbar kalt und sein Rührei lässt er neben sich erkalten, zwingt dann doch noch einen Happen rein und geht ins Bett. Nachts wird ihm schlecht und schwindlig. Am Essen liegt es nicht - wir vermuten mal, der Kreislauf spinnt. Gestern die stressige Tagesetappe, vielleicht nicht genügend getrunken und dann noch dieses schlonzige Rührei. Gut, dass wir ein Kreislaufmittel dabei haben. Aber so richtig helfen tut das nicht. Dann muss Dietmar schnell raus. Das Rührei macht sich wieder auf den Weg in die Freiheit. Alle stehen wir draußen in der Nacht, die Stimmung ist ganz eigenartig: es nieselt nicht richtig, sondern überall schweben Minitröpfchen herum, die im Schein der Stirnlampen leuchten. Wir grübeln, was wird, wenn Dietmars Zustand morgen nicht besser wird. Martin zieht zu Micha ins Zelt damit im "Krankenzelt" mehr Platz ist.

 

Sonntag 26.9.04 Der Rentierüberfall

HerbststimmungSchlecht Wetter. Dietmar bleibt heute im Zelt und schläft durch. Gegen Mittag hört der Regen auf und ich mache mich mit Foto und Stativ auf - Beschäftigungstherapie. Der Bach der Richtung Rapadal sprudelt erweist sich als äußerst fotogen. Kleine Kaskaden, herbstfarbene Abschnitte an den Flanken. Das macht richtig Spaß. Martin und Micha sitzen noch im Zelt und wissen nicht was ihnen da entgeht. Ich gehe zum Zelt und überrede die Beiden mitzukommen - aus dem Zelt heraus sieht die Welt wohl irgendwie trübe aus. Erst draußen realisieren die Beiden, dass das Wetter eigentlich gar nicht so schlecht ist. Bald sind wir alle 3 im Fotografierwahn.

Gegen Abend sieht Dietmar schon etwas besser aus, er trippelt eine Runde um die Zelte herum, auch ein paar Nudeln isst er schon wieder mit - gute Aussichten für morgen, denn da müssen wir wieder zurücklaufen, Richtung Pareks Lappläger.

Nach dem Abendessen gibt es wie immer Nachtisch und Kaffee, es ist schon wieder dunkel. Dietmar will noch eine Runde um die Zelte drehen, kommt aber gleich wieder aus der Dunkelheit zurück und sagt: "ich bin gerade fast in ein Rentier gelaufen". Das kommt uns reichlich spanisch vor, denn er war ja gerade mal ein paar Meter gelaufen. Wir gehen also mit und tatsächlich, nach 7 Metern leuchten im geballten Schein von 4 Stirnlampen 2 Punkte gespenstisch aus der Nacht. Dann stehen wir direkt vor einem Rentier mit recht großem Geweih. Das Tier schaut uns gelangweilt an und frisst weiter. Eigentlich müsste es doch - wie alle anderen Rentiere bisher - jetzt sofort auf und davon rennen. Mit dem stimmt was nicht, da sind wir uns schnell einig. Wir gehen zu den Zelten zurück und fangen an zu rufen. Das Tier reagiert nicht. Klappern mit Trangiatöpfen funktioniert auch nicht. Gut, dann gehen wir halt in die Schlafsäcke. Micha ist nicht recht wohl, weil er allein im Zelt ist. Bei uns dreien ist die Stimmung noch unbeschwert, aber nur solange bis die Töpfe neben dem Zelt losklappern. Das Untier hat seine Kreise enger um uns gezogen. Bei Micha stolpert es über die Zeltleinen. Das macht ihn doch recht nervös und unser Kommentar, das Rentier sei wohl auf Hillebergzelte spezialisiert, mag ihn nicht richtig aufzumuntern. Bald stolpert das Tier aber auch über unsere Leinen und es ist schon ein ungutes Gefühl gleich neben sich so runde 150 lebende Kilo mit Geweih zu wissen. Wenn der sich aufs Zelt legt, weil das so schön warm ist, sind wir ziemlich blöd dran. Auch wenn er mit seinem Geweih in den Leinen hängen bliebe, könnte er uns wohl mühelos übers Fjäll ziehen. Und diese Nähe ist doch nun wirklich nicht normal. Mir fällt die Signalpfeife ein, die wir zwecks Sicherheit in Nebelsituationen alle dabei haben. Ich geh also mal raus, schau mich vorsichtig um, sehe die 2 glimmenden Punkte im Dunkel und trete mit der Pfeife raus. Der Pfiff bringt das Tier in Bewegung. 4 ganze Schritte macht es und das auch noch in die falsche Richtung. Jetzt krieg ich es aber auch mit der Angst zu tun - dieses Tier macht doch alles schlichtweg verkehrt. Ich pfeife jetzt mal mit den Finger, das ist lauter und schriller und jetzt endlich trabt das Ungeheuer davon, weg von uns in die Nacht hinein. Allerdings hört das Hufgeräusch schnell wieder auf - immerhin es ist aus unserer begrenzten Sichtweite. Micha kommt aus dem Zelt und Martin auch, wir sind alle aufgekratzt und stehen eine Weile im Nieselregen herum - nur Dietmar stört das alles nicht, er ist wohl wirklich noch nicht ganz auf dem Damm.

Es geht wieder in die Falle und - natürlich - es dauert nicht lange und das Rentier stolpert wieder über die Zeltschnüre. Wir ergeben uns und nehmen es hin wie es ist - was bleibt uns übrig.

 

Montag 27.9.04 Knacksi das Rentier

May I introduce: Knacksi the Reindeer, looking for some nice smells ...Am Morgen, bei Dämmerlicht betrachtet, sieht die Situation und das Rentier schon ganz anders aus. Ich komme aus dem Zelt und das Tier frisst immer noch in 10 Meter Entfernung die Flechten ab. Aber bei Tag sieht es eigentlich richtig gutmütig aus. Ich fotografiere rundherum, Rentier mit Zelten, ohne Zelte, von vorne , von hinten usw. Bald gibt es Kaffee und Müsli, daneben das Rentier, das, wie wir nun feststellen, am liebsten die Stellen abgrast, wo wir hingepinkelt haben - gut gewürzte mineralhaltige Nahrung, da kann ein Rentier schon mal schwach werden.

Das Wetter sieht zum Laufen recht gut aus. Dietmar nehmen wir ein paar Kilo Gewicht ab, dann wird es schon gehen. Und so wandern wir wieder Richtung Brücke zurück, gefolgt von einem Rentier, das wie an einer Schnur gezogen 10 Meter hinter Micha herzieht. Die Hufe von Rentieren erzeugen beim Gehen ein recht eigenartiges knackiges Geräusch. Micha gibt unserem Begleiter den Namen Knacksi. Mittlerweile habe wir uns an ihn gewöhnt und Micha überlegt schon, wie wir ihm am besten unseren Rucksack aufladen können - das wäre doch was, mit dem Rentier durch den Sarek.

Irgendwann nach einigen Kilometern geht Knacksi dann seine eigenen Wege und wir erleben den ersten Schneefall. Die Focken fallen gemütlich vom trüben Himmel, bis wir wieder die Brücke erreichen. Das reicht für heute, wir nehmen wieder den alten Lagerplatz in Besitz. Es regnet jetzt wieder und hört dann auch nicht mehr auf. Wir kochen zum erstenmal in der Apside. Das ist ganz schön eng zu dritt.

 

Dienstag 28.9.04 Pareks Lappläger

Einige blaue Flecken in der Wolkendecke bewirken sofortiges Stimmungshoch. Wir wandern zwischen Una Jerta und Stuor Jerta durch, das trifft uns der erste Sonnenstrahl. Schon wird pausiert, der Trailsnack in der Sonne genossen. In einem Teich spiegeln sich die Schneekuppen des Parek. Klasse ist das heute. Bald sind wir am Birkenwaldrand in der Nähe des Lappläger, und breiten die Ausrüstung zum Trocknen aus. Ein herrlicher Platz und viel Zeit genug um rumzuspazieren. Heute gibt es Kaffee außerhalb der Planung - es wird gut bis zum letzten Tag reichen. Abends wir es recht frisch - klarer Himmel, tiefe Temperaturen.

 

Mittwoch 29.9.04 Ziel Parte Observatorium

Ein prächtiger Tag, über all Reif, Sonne scheint. Wir wollen heute einen Tagesausflug zum Observatorium auf dem Parte machen. Ein weiter Weg, also müssen wir etwas raumgreifender Wandern. Mit Martin eile ich übers Fjäll, Micha und Dietmar bummeln hinterher. Das wird so nichts mit Gipfel und so. Andererseits ist das Wetter so toll, das man eigentlich nicht unbedingt übers Fjäll rennen müsste, um die Landschaft zu genießen. Sei's drum, wir beratschlagen und Dietmar will eigentlich nicht hetzen. Die Gegend ist recht übersichtlich und so macht es nichts, wenn wir uns unterwegs trennen. Plötzlich kommt ein eisiger Wind um die Ecke. Wir sind auf einmal in einem ganz anderen Klima unterwegs. Auf Punkt 1322 treffen wir uns alle 4 wieder. Dietmar, der uns alle mit einer kürzeren Wegvariante locker wieder eingeholt hat, berichtet von einem Vielfraß, das er gesehen und fotografiert hat. Augenscheinlich war das Tier so mit der Beobachtung von uns anderen 3 beschäftigt, das es Dietmar gegen den Wind nicht entdeckt hat. So eine Vielfraßsichtung ist extrem selten. Rund 20 bis 30 Tiere soll es im Sarek geben, Bären gibt es wohl doppelt so viele.

Hier auf Punkt 1322 sehen wir bis zum Observatorium und zum Partegipfel hoch. Ich würde gerne dort oben stehen und auf den Partegletscher runterschauen, aber den Weg schaffen wir wohl nicht mehr. Es ist nun wirklich frostig um uns herum und der Wind ist ziemlich heftig. Micha hat keine Lust mehr und dreht um. Martin überlegt noch, Dietmar würde noch ein Stück mitgehen. Was tun. gerade hoch zum Parekgipfel ist es nicht so weit, also versuchen wir es zu dritt. Bald sind wir im reinen Schneehang, Press- und Lockerschnee wechseln sich ab. der Hang wird jetzt steiler und plötzlich reißt uns eine Sturmböe fast aus dem Gleichgewicht.. Martin mein, dort oben haut es uns von den Füßen. Da könnte er recht haben, die Scheefahnen am Grat sehen urig aus. Die Gipfel sind nun teilweise schon in Wolken gehüllt - mit Weitsicht wird das also eh nichts. Das Risiko ist uns zu hoch, wir drehen um. An der Südflanke des Parekmassives wir es wieder warm. Kein eiskalter Sturm mehr. Schöne Stimmungen und an den Zelten liegt Micha bereits mir der Sonnenbrille und macht auf Mallorca.

 

Donnerstag 30.9.04 Nach Kvikkjokk

Heute müssen wir leider raus aus dem Sarek. Bei bestem Wetter geht es an den Kohten des Lappläger vorbei, durch die fantastische Seenplatte bis auf den Kungsleden. Ein langes Stück Weg. Auf dem Kungsleden geht es dann wieder auf den ungeliebten steinigen Weg - da habe ich eigentlich keine Lust mehr auf diesem harten Untergrund. Die letzten 6 km will ich nur noch raus. Im Eiltempo geht es über Steine, Pfützen und rutschige Bohlen, Martin hat auch keine Lust mehr und überholt und so haben wir schon nach einer Stunde in Kvikkjokk.

Kvikkjokk ist um diese Zeit quasi tot. Außer 4 Deutschen, die mit dem Mietwagen hier sind und Ausflüge machen ist keiner da. Micha kommt bald und will gleich zum Shop. Den finden wir bald, hat laut Schild sogar noch 5 Minuten offen, auch die Tür ist offen, aber ein Mann ist drin und sagt "stängt". Es ist der Busfahrer, der hier übernachtet und uns morgen um 5.30 Uhr zurück in die Zivilisation bringen wird. Der Ladeninhaber ist nicht da und so stehen wir 2 Meter neben den Öl-II-Büchsen - Mist.

Im Tourist-Service ist gerade keiner da - wir hätten aber gern eine Hütte heute nacht. Jetzt in der Zivilisation legen wir plötzlich keinen Wert mehr auf ein frostiges Abendessen. Endlich kommt doch noch ein freundliche Frau und erbarmt sich unser. Außer einer Hütte hat sie ganz nebenbei auch ein paar Bierbüchsen unter der Ladentheke. Jetzt ist der Abend gerettet.

 

Freitag 1.10.04

Rückfahrt nach Jokkmokk, Zwischenstation und weiter nach Gällivare. Einquartieren wieder im Vandrarhem. Thats it.

 

Erfahrungswerte/Erkenntnisse

Essen: Aufgrund der Erfahrung von der Tour 2001 konnten wir das Essen ein klein wenig reduzieren. Pro Person hatten wir im Durchschnitt 2.600 kcal/Tag dabei. Das waren 8.750g für die gesamte Tour pro Mann. Trotz größerer Kälte war das im Nachhinein betrachtet genau die richtige Menge - in Kvikkjokk war nur noch ein winziger Rest übrig.

 

Zelt: Helsport Trollhetta IV. Ein einfaches preisgünstiges "Nichtsilikonzelt", 4,0 Kg schwer, das für 3 Personen ein gutes Gewichtsverhältnis bietet (1,3 Kg pro Person). Wir hatten uns das Zelt extra für diese Tour gekauft. Ideal war die große Apsis, in der man sich bei miesem Wetter relativ problemlos die Regenklamotten anziehen konnte, auch wenn schon 3 große Rucksäcke verstaut waren. Das Innenzelt allerdings war auch für 3 Mann relativ eng und die angegebenen 4 passen beim besten Willen nicht rein - auch nicht, wenn sie Pygmäengröße hätten. Alle Nähte, auch die Bodennaht, waren nicht mit Dichtband verklebt - die mussten mit beigelegtem Seamsealer behandelt werden (wie bei Silikonzelten). War aber gut so, denn erstens war das Zelt dann auch dicht, zweitens lösen sich solche Nahtbänder nach einigen Jahren auch mal von selbst ab (zumindest bei meinem alten Salewa, das allerdings bald "volljährig" wird).

 

Thermarest + Schlafsack:

Es scheint doch einen größeren Unterschied zu machen, ob man eine selbsaufblasende Matratze oder eine Isomatte aus Schaumstoff unter dem Schlafsack hat. Bei gleicher Schlafsackkombination war es Dietmar auch in den kältesten Nächten mollig warm, während Martin und ich schon ein sehr viel weniger komfortables Gefühl hatten (man könnte vielleicht noch nicht frieren dazu sagen). 

 

Schlafsack: 

Ajungilak Kompakt Winter - da sind wir immer weniger begeistert, das Ding taugt wirklich nix für Temperaturen unter 0 Grad und da ist es schon nicht angenehm - die angegebenen -10° Komforttemperatur sind mehr als utopisch.

Yeti Pound/Pocket: schöner super leichter Sack mit hochwertiger Daunenfüllung, den man allein auch für Sommernächte/Hüttenübernachtungen  nehmen kann. Für 99€ (Globiangebot) hat sich das Teil gelohnt. Hat sich als variabler Innenschlafsack bewährt.

Yeti Daunenweste: Superleichtes Teil (passt zum Schlafsack). Hatte nur ich dabei, aber die anderen hätten die Weste im Sarek dann auch gern gehabt - sehr sehr angenehm.

 

 

copyright: Dieter Ziegler 2004